Volle Fahrt ins Verderben – Ein Krimi in Smoking und Seide

Volle Fahrt ins Verderben – ein Abend voller Spannung, Klamauk und Spielfreude

 

04.02.26, ca. 06:15 Uhr. Ich bin auf dem Weg zur Arbeit. Die Aufführung der Krimikomödie „Volle Fahrt ins Verderben“ liegt nicht mal 12 Stunden zurück. Ich fahre durch die Dörfer, die noch in totaler Dunkelheit gehüllt sind und so langsam ist Platz im Kopf für einen ersten Rückblick.

Zunächst auf den Abend zuvor. Ca. 160 Gäste. Mindestens. Eltern, Mitschülerinnen und Mitschüler, Freunde, Bekannte warteten voller Vorfreude und Spannung in der bis zum letzten Zentimeter gefüllten Aula auf den Beginn der Aufführung. Die Schülerinnen und Schüler der Theater-AG haben sich voll in Schale geschmissen, um die Gäste in die 20er Jahre zu entführen und mitzunehmen auf der Überfahrt von Cherbourg nach New York auf dem Passagierdampfer „Chrystal Rose“. Bevor wir allerdings beginnen können, streikt die Technik. Der Laptop mit dem gesamten Soundtrack hat sich aufgehangen. Natürlich. Irgendwas ist ja immer. Der Neustart des Geräts gestaltet sich zäh. Das Publikum allerdings ist um 18:35 Uhr noch sehr redselig und alle Anwesenden unterhalten sich munter miteinander. Irgendwann geht ein gemeinsames „Shhhhhh“ durch den Raum. Eigentlich sollten die Gäste mit einem Schiffshorn ins Theaterstück eingestimmt werden. Naja, was soll’s. Wenigstens zeigt der Laptop an, dass er sich so laaaangsam bereit macht. Die Schauspielenden wurden von mir über den Grund der Verzögerung informiert. Sie warten aufgeregt vor den Aulatüren. Ich stelle mich vor das Publikum und begrüße die vielen Menschen, die gekommen sind und bin beim Anblick überwältigt. Einen so großen Zuspruch hatten wir bisher noch nie. Ich freue mich für die Schülerinnen und Schüler der Theater-AG. Sie haben sich diese Resonanz nach fast zwei Jahren harter Arbeit (davon 1,5 Jahre Stückentwicklung) redlich verdient. Und dann kann es endlich losgehen. Der Soundtrack ist bereit. Dieser ist enorm wichtig für das Stück, holt er die Zuschauerinnen und Zuschauer doch stimmungsvoll ab und versetzt sie um knapp 100 Jahre in die Vergangenheit. Luca aus der 12. Klasse hat mit seinen ausgewählten Stücken (es sind weit über 20) ganze Arbeit geleistet. Mal jazzig, mal klassisch, spannungsvoll oder romantisch dirigiert er das Ensemble mit der Musik insgesamt eine Stunde und fünfundvierzig Minuten durch das Stück. In diesem wird die packende Kriminalgeschichte, welche sich auf der Crystal Rose zuzog, erzählt.

Aber von vorn. Das prunkvolle Hotelimperium der Familie Dubois ist nach einer Reihe von geschäftlichen Fehlentscheidungen des Hotelpatriarchen Louis Dubois (Carl Kurth) und seines zwielichtigen Geschäftspartners Edouard van der Meer (Albert Prinzler) in Schieflage geraten. Die Überfahrt mit der gesamten Familie Dubois, darunter Louis Schwestern Emma (Martha Köpnick), Mylene (Wilma Prinzler) sowie seine Ehefrau Alice (Merle Goos) und Tante Camille (Levke Ising) soll dazu dienen mit Hoteleröffnungen in Amerika das Ruder rumzureißen und die Geschäfte aus den roten Zahlen zu bekommen. Allerdings ist dies schwieriger als gedacht. Vor allem als Emma, welche in der Vergangenheit immer wieder Schadensbegrenzung nach desaströsen geschäftlichen Entscheidungen betreiben musste, besorgniserregende Unregelmäßigkeiten in den Finanzen sowie das Fehlen der Genehmigungen für die Hoteleröffnungen feststellt. Während Emma Louis wütend zur Rede stellt und darauf aufmerksam macht, dass dies den Untergang des Hauses Dubois nach sich ziehen kann, leidet Alice derweil darunter, dass ihr Mann sie mehr und mehr meidet und kaum noch Interesse an einer ehelichen Beziehung zu haben scheint. Und auch die kleine Schwester Mylene lässt kein gutes Haar an ihrem autoritären älteren Bruder, der ihr nicht nur verbietet, ihrer künstlerischen Leidenschaft nachzugehen, sondern zu allem Überfluss auch noch bestimmen will, wen sie heiraten soll.

Nach dem Streit mit Emma stellt Louis fest, dass in den Unterlagen und Finanzberichten tatsächlich eklatante Fehler vorzufinden sind und es nur einen Verantwortlichen geben kann: Edouard. Nachdem Louis diesen nach einer mutmaßlich durchzechten Nacht zur Rede stellt, kommt es zum großen Streit der zwei Geschäftspartner und ehemals besten Freunde. Am darauffolgenden Tag findet die Familie Louis tot vor.

Die auch auf der Reise zufällig anwesenden Ermittler Abigail Lynmore (Kiara Kröger) und Patrick Stern (Michael Beer) nehmen auf Geheiß des Kapitäns Eric Belford (Marcel Mackowiecki) im Geheimen die Ermittlungen auf, denn beim Auffinden des Verstorbenen stellt Patrick ungewöhnliche Verfärbungen auf der Haut fest, die auf eine Bleivergiftung hinweisen könnten. Schnell stellen sie die Zerwürfnisse in der Familie und zwischen den zwei Freunden fest. Einzig Alice scheint um ihren Ehemann wirklich zu trauern. Aber auch außerhalb der Familie wird sichtbar, dass Louis Dubois nicht gerade beliebt war. Die beiden Konkurrentinnen des Hauses Dubois Rose Garnier (Matilda Barth) und Grace o‘ Connor (Jil Salewski) sind ebenfalls an Bord und gönnen sich ein wenig Erholung vom stressigen Hotelalltag. Nach der überraschenden Begegnung beim abendlichen Kapitänsdinner zu Beginn der Reise fällt Grace auf, dass Rose zunehmend abwesender wirkt. In Rückblenden stellt sich heraus, dass sie sich einst in Louis Dubois verliebte, als dieser geschäftlich in England unterwegs war. Die Liaison endete aber abrupt und für Rose sehr verletzend, als Louis sie nach Ende seiner geschäftlichen Tätigkeit ziemlich rüde abserviert.

Nach und nach kann das Ermittlerduo den Kreis der Verdächtigen reduzieren, sodass schließlich der Fokus auf Camille fällt. Die zum Stillhalten gezwungene Tante, hat über mehrere Jahrzehnte miterleben und mitansehen müssen, wie die Männer in der Dubois-Familie bevorzugt wurden und ihre Mitmenschen drangsaliert haben.

Noch auf dem Schiff lässt Kapitän Eric Belford die betagte Dame verhaften, nachdem Patrick in Camilles Räumlichkeiten hohe Mengen Bleizucker fand und dem Kapitän sofort mitteilte. Das Haus Dubois scheint am Ende. Doch weit gefehlt. Im Prolog und Epilog erzählt die Nachfahrin Catherine Alexa Dubois (Lotte Prinzler) wie Emma, Alice und Mylene neue Wege gingen und sie als Geschäftsfrau in die Fußstapfen ihrer Tante Emma getreten ist und das von Emma gegründete erfolgreiche Warenhaus „Tante Emmas Lädchen“ zu internationalem Erfolg verhalf.

Sichtlich stolz und freudestrahlend nahmen die Schülerinnen und Schüler des Ensembles die stehenden Ovationen der Gäste entgegen. Wieder haben wir es geschafft. Ein erneut selbstgeschriebenes Theaterstück mit allem, was dazu gehört (Figuren sowie Szene um Szene entwickeln, Kulissen und Requisiten herstellen) ist aufgeführt…

…und der zweite Rückblick setzt ein.

Auf fast zwei Jahre gemeinsamer Arbeit, die Erinnerung an wunderbare, aber auch anstrengende Theatertage und Nachmittage. Und es stellt sich ein Gefühl ein, das mir sehr vertraut ist, wenn ein Stück aufgeführt wurde. Die Aufführung eines Stücks heißt nämlich gleichzeitig auch, dass die Theater-AG sich verändert, Schülerinnen und Schüler die AG verlassen werden. Das ist an sich nichts Ungewöhnliches. Und doch ist das Gefühl diesmal stärker:

Wehmut.

Im Unterschied zu den anderen vorherigen Ensembles hat das Ensemble, welches das Krimistück auf die Beine gestellt hat, zwei statt einem Schuljahr an der Produktion gearbeitet. Das verbindet, das schweißt noch einmal mehr zusammen. Die Aushandlungsprozesse in der Entwicklung sind intensiver, die Momente, in denen die Ideen gelingen, gerade bei der Entwicklung eines so schwierigen Formats umso schöner. Und dann ist es nach nur einer Aufführung wieder vorbei. Und die Frage, die mitschwingt: Lohnt sich das?

Nun, wenn ich zurückdenke, an die stehenden Ovationen von über 160 begeisterten Zuschauerinnen und Zuschauern, die irgendwie in der bis auf den letzten Zentimeter gefüllten Aula Platz gefunden haben, ob auf Stühlen, Fensterbänken oder zwei Stunden lang stehend(!), wenn ich zurückdenke an die Freude und den Stolz in den Gesichtern der Schauspielerinnen und Schauspieler als sie ihren nicht enden wollenden Applaus bekommen, wenn ich daran denke, mit viel Freude sie in ihren Rollen auf den Punkt erneut brilliert und die Zuschauerinnen und Zuschauer mitgenommen haben auf eine Zeitreise in die 20er Jahre des 20 Jahrhunderts, mit wie viel Liebe zum Detail sie ihre Figuren gestaltet haben und mit wie viel Geduld, Durchhaltevermögen und Kraft sie neben den Alltagsverpflichtungen an der Geschichte und allem anderen gearbeitet und gefeilt haben, dann sage ich: Ja, das lohnt sich. Den Weg, den wir bis zum Tag der Aufführung gemeinsam gegangen sind, die Erfahrungen, die ihr mitgenommen habt, die schönen Momente, die Umwege, die wir gehen mussten: All das kann euch niemand nehmen. Und ich bin überzeugt, dass genau dies seine Wirkung in bestimmten zukünftigen Situationen eures Lebens entfalten wird.

Ich lächle. Ich bin unfassbar stolz, vor allem aber dankbar.

Dankbar für die schöne und intensive Zeit, für das erneute Verlassen der Komfortzone, für das viele Ausprobieren, Diskutieren, Vor- und Zurückgehen, Nachjustieren, gemeinsame Quatschen abseits der Stückentwicklung, das Lachen, diese unglaublich vielen wunderbaren Momente, die mir von

Kiara, Michi, Lotte, Merle, Martha, Wilma, Lena, Luca, Albert, Carl, Marcel, Levke, Matilda und Jil geschenkt wurden.

Und die auch mir keiner mehr nehmen kann.

Herzlichen Dank.

Euer Herr Koch

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